| | Das letzte Mal bei den "Stichlingen"Blutspenden sind nur bis zum 68. Lebensjahr erlaubt / 4.500 Dauerspender in Paderborn Sehr oft hat Christian Mainka diese Prozedur mitgemacht. Hat sich jedes Mal brav angestellt, einen Bogen ausgefüllt, sich ärztlich untersuchen lassen, auf eine schlichte blaue Trage gelegt und eine lange Nadel in den linken oder rechten Arm stechen lassen. Immer am ersten oder zweiten Montag im Monat – denn an diesen Tagen bittet der Blutspendedienst West in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Kreisstelle an der Neuhäuser Straße um das lebenserhaltende Elixier.
An diesem Montag hat sich Mainka zum insgesamt 93. Mal von den "Stichlingen", so nennt er das Personal in Weiß, einen halben Liter Blut abnehmen lassen. Doch dieses Mal war alles anders. Auch wenn er sich fit fühlt: Es war seine letzte Spende. So zumindest will es der Gesetzgeber. Am 31. Mai wird der Elsener 68 Jahre alt. Und dann ist Schluss mit Blutspenden.
"Schwieriger ist es, Leute dauerhaft zu motivieren" Mainkas Erstspende in den frühen 60er-Jahren hatte eine ganz praktischen Grund: Für den Führerschein musste er seine Blutgruppe wissen. Zwei Dekaden pausierte er, bis zu einem Erlebnis: Als eine Tante – wie er hat sie die seltenste aller Blutgruppen AB negativ – in Rosenheim operiert wurde, fehlte geeignetes Spenderblut. Zufällig war sein Bruder vor Ort. Seitdem ist Mainka überzeugter Spender und erspart sich zudem die Besuche beim Hausarzt, der bei nicht korrekten Blutwerten benachrichtigt werden würde.
Einmal hätte ihn seine Blutgruppe fast einen Hubschrauberflug eingebracht. Er war mal wieder auf Camping-Urlaub in seiner Zweitheimat Grömitz, als übers Radio der Spendenaufruf einer Kieler Klinik kam. Doch es gab einen anderen Spender. Dass er jetzt nicht mehr darf, ist für ihn "eine Zäsur – man fühlt sich so richtig alt".
Festgelegt hat die Altersgrenze der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut. Stichhaltig begründet ist das Spenden- Rentenalter nicht. "Es wird auf Erfahrungswerte zurückgegriffen", erläutert Claudia Müller vom Blutspendedienst aus Münster: "Die höhere Wahrscheinlichkeit zu erkranken und Verschleißerscheinungen."
In ihrem Gebiet – die Regierungsbezirke Detmold und Münster – werden täglich rund 1.200 Spenden (NRW-weit 3.500) benötigt. Da die Spendenbereitschaft ähnlich hoch ist, herrscht selten Knappheit. Dennoch bemüht man sich in Münster immer 2.000 Spenden im Lager zu haben.
Mögliche Engpässe gibt es im Frühjahr, wenn die erste Sonne und Kurzurlaube mehr locken als der Blutspendetermin. Echte Notsituationen kann sich Müller kaum vorstellen: "Wenn es eine Katastrophe wie Eschede gibt, dann rennen uns die Leute die Bude ein. Schwieriger ist es, Leute dauerhaft zu motivieren."
Wer regelmäßig geht, hat mehr im Sinn als Kurzzeithilfe. Maria Vahle ist wie Mainka vom Sternzeichen Zwilling. Sie wird am 17. Juni 68. Somit endet auch ihre Spendenzeit. Im Juni 1969 hat sie die lebensrettende Bedeutung von Blutkonserven am eigenen Körper erfahren. Komplikationen bei der Geburt ihrer Tochter Martina erforderten eine Transfusion. "Das gab den Impuls . Ich will auch etwas Gutes tun und gehe seitdem regelmäßig." Für sie war das Spenden ebenfalls "etwas Besonderes". Sie fühlte sich danach zwar nicht, als sei sie in einen Jungbrunnen gefallen, hat es aber stets gut vertragen. Drum würde sie gerne weiterspenden. Montag, der 8. März hätte ihr letztes Mal sein sollen. Doch ein Udo-Jürgens-Konzert in Bielefeld am Samstag kam dazwischen. Jemand aus der Reihe hinter ihr war gestürzt und hatte sie mitgerissen. Die Folge: drei gebrochene Rippen, Schmerzen, Behandlung im Krankenhaus, Medikamente. Ihre 62. und Abschluss- Spende war geplatzt.
In Vahles Paderborner Heimat wurden 2002 exakt 10.782 Spenden entnommen. Auf die Einwohnerzahl bezogen entspricht das 7,6 Prozent. Da jeder Spender durchschnittlich 2,3 Mal pro Jahr geht – Männer dürfen alle 56 Tage, Frauen alle drei Monate – zählt Paderborn rund 4.500 Dauerspender. Wie in der ganzen Republik gibt es ein Land-Stadt-Gefälle. Spitzenreiter im Kreis ist Bad Wünnenberg mit 15,7 Prozent Spenderanteil.
Maria Vahle und Christian Mainka sind mehrfach für ihre Spendenbereitschaft ausgezeichnet worden. Beiden wird etwas fehlen. Doch für Nachwuchs ist gesorgt: in den letzten Monaten hat der 67-Jährige gleich zwei Neuspender geworben.
Foto und Text: Neue Westfälische 
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